Die Wirtschaft liegt auf der Intensivstation

Ich kann mich noch gut erinnern, als unsere Politiker an die Medien getreten sind und sagten „Koste es was es wolle“ versprochen haben, die Wirtschaft aufzufangen. Eine Pandemie wie wir sie heute haben, hatten wir nicht erwartet. Wir wurden eiskalt erwischt. Geld in die Hand nehmen wie einst Kreisky, statt einem Nulldefizit war plötzlich die Devise. Das Pandemiegesetz wurde kurzerhand geändert – einen generellen Schadenersatz wollte man dann doch nicht leisten. Egal. In der ersten Welle hatten die Unternehmer noch Rücklagen. Jeder hat versucht so schnell und professionell zu reagieren, wie es nur möglich war. Wir lernten von der neuen Politik des „Hammer and Dance“. Wir gewöhnten uns und unsere Kollegen bzw. Mitarbeiter an Home-Office. Wir entwickelten neue digitale Produkte. Die Lernkurve war steil. Die tägliche Corona Statistik kam auf die Startseite von ORF.at. Die Hoffnung auf Rettungsprogramme und Förderungen – zur Abfederung des Schadens – war groß, die Ernüchterung bei vielen Unternehmern leider auch. Die zweite Welle trifft uns härter. Die Rücklagen sind aufgebraucht. Kräfte sind verzerrt. Die Ratlosigkeit ist groß. Die Wirtschaft liegt auf der Intensivstation, aber die Betreuung bleibt vorerst aus. Quo vadis?

Wieviel kann man Unternehmern zumuten?

Als unser geschätzter Wirtschaftskammer Präsident Harald Mahrer sinngemäß sagte, die Wirtschaft liege auf der Intensivstation und wir werden sie wiederbeleben, atmeten wir durch. Unternehmer wissen, dass Milliarden an Geldmitteln aus Beiträgen in der Kammer liegen. Die Kriegskasse ist voll. Danach kommt die Reha (der Wideraufbau). Es war alles klar. Die Hoffnung das Klein- und Mittelbetriebe aufgefangen werden war groß. Es würde hart werden, aber die Chance das wir das meistern, war gegeben. Natürlich mussten wir auch akzeptieren, dass nicht jedem geholfen werden kann. Strenge Regeln werden Missbrauch verhindern und das war / ist gut so.

Wir Unternehmer haben darüber hinweggesehen, dass das Pandemiegesetz kurz vor dem sog. „Lockdown“ geändert wurde. Eigentlich hätten wir auf die Strasse gehen müssen. Das Gesetz hatte vielen Betrieben einen Anspruch auf Schadenersatz gesichert. Eine Pandemie ist in gewisser Weise eine Naturkatastrophe, niemand hat Schuld daran und genau deshalb sollte es in einem Land wie Österreich ein engmaschiges Auffangnetz geben.

Unternehmer haben alle Energie und Mittel, die sie noch zur Verfügung hatten, investiert, um möglichst gestärkt oder wenigstens mit geringem Schaden aus der Krise zu kommen. Die Hoffnung war ein „V“ Effekt, ein kurzer Einbruch der Wirtschaft, den man durchtauchen kann. Möglichst schnell wieder zurück zum Normalzustand, das war das Ziel. Arbeitsplätze sollten und mussten erhalten werden. Wenn es bald wieder bergauf gehen soll, dann darf man niemanden entlassen. Für jeden Unternehmer sind Angestellte die höchste Priorität (auch wenn das vielleicht nicht immer so wirkt). Man weiß über die Existenzen, Familien und Schicksale und natürlich auch, dass man ohne Mitarbeiter nicht wieder hochfahren kann.

Anfangs wurden Unternehmer noch in Sounding-Boards eingebunden. Interessensvertretungen, wurden aktiv eingebunden. Später wurde mit Michael Altrichter ein „Startup Beauftragter“ medienwirksam vorgestellt und dann wurde es still. Die Realität war ernüchternd. In vielen Branchen und für viele Betriebe griffen die angebotenen Programme nicht. Bürokratie und rechtliche Hürden führten dazu das Garantien vielfach nicht für die Kreditvergabe von Banken ausreichten. Teilweise waren Fördertöpfe so klein, dass sie innerhalb eines Tages leer waren – man hatte seitens der Politik die Nachfrage vielfach derart falsch eingeschätzt, dass man den Eindruck bekam es geht ehr um Pressekonferenzen als echte Hilfe. Ansprechpartner gab es keine mehr.

Betriebe die Mitarbeiter in Kurzarbeit hatten, und sich an die Regeln gehalten haben mussten bei der Endabrechnung ebenfalls die ein oder andere Überraschung hinnehmen. Die Richtlinien zur Abrechnung, waren zum Zeitpunkt der Vergabe noch unklar – am Ende muss der Unternehmer mit der Auslegung des AMS leben und in einigen Fällen sogar einen Teil der Zuschüsse die er nach langer Wartezeit erhalten hat zurückbezahlen. Da kommt Freude auf und der Druck auf Sparmaßnahmen steigt einmal mehr.

Die einst kolportierte Geschwindigkeit in den Medien wurde nicht eingehalten. Die bereite Maße bekam das gar nicht mit, sie wahren vielfach vom Krisenmanagement der Regierung beeindruckt. Umso größer das erstaunen, wenn man erzählt wie kompliziert die Maßnahmen tatsächlich in der Praxis sind und wieviel länger es dauert bis man Gewissheit hatte. In Pressekonferenzen wurde eine gewaltige Show abgezogen. Die Belastung für die Liquidität, der emotionale Stress (durch Unsicherheit) für Unternehmer war unermesslich. Da ist auch verständlich das die Emotionen hochgehen. Während Mitarbeiter einen Anspruch auf Geld am Ende des Monats hatten, mussten Unternehmer mit der Unsicherheit und den wagen Auskünften von Beamten leben deren Gunst plötzlich zur Überlebenssicherung von Betrieben wichtig war. Man war nicht mehr selbstständig, sondern fremdbestimmt.

Heute sind die Kassen leer, die Wirtschaft ist über den Sommer – nach den Lockerungen der sog. Covid-Maßnahmen – nicht wieder so stark zurückgekommen wie gewünscht. Aufholen konnte man die Verluste des Lockdowns nicht. Jene die sich mit geförderten Krediten über Wasser halten konnten sind heute überschuldet. Viele Betriebe haben keine andere Wahl, also nochmal in die Pedale zutreten und alles geben. Reichen wird es trotz aller Anstrengungen vielfach nicht. Die Puste geht schneller aus als noch Anfang des Jahres und die Verzweiflung viel größer. Man muss damit Rechnen, dass es kein Rettungsnetz gibt. Kündigungen sind ein Indiz dafür das wir in keine Rezession, sondern in eine waschechte Depression schlittern. Die Zahl der zu erwartenden Insolvenzen lasst mich bleich vor Angst werden.

Wer glaubt Neugründungen werden das Wirtschaftswachstum wieder zurückbringen, der vergisst das es im Schnitt rund 8 Jahre dauert, um einen Betrieb eine Million-Umsatz und nachhaltig positiven Ergebnissen aufzubauen. Der Verweis auf die Finanzkrise (wo primär Banken betroffen waren) ist trügerisch. Damals wurden mehrheitlich top ausgebildete Menschen arbeitslos. Diesmal sind alle Einkommens- und Ausbildungsschichten betroffen. Das sind naturgemäß weniger Akademiker weil es schlicht weniger davon gibt. Investoren gibt es auch weniger und damit ein schwierigeres Umfeld für Gründungen.

Die zweite Welle wird brutal

Jetzt kommt eine zweite Welle. Pünktlich zum Herbst. Pünktlich zum Beginn der Grippe-Saison. Diesmal liegen unsere Betriebe auf der Intensivstation. Die Abwehrkräfte sind geschwächt, sie befinden sich in einem Überlebenskampf. Eine Impfung (Vorbereitung im Sommer) gab es (gefühlt) nicht. Der große Unterschied zur ersten Welle ist, dass das Vertrauen fehlt. Unternehmer sollen sich (wenn es nach der Politik geht) für Investitionsprämien bewerben, oder Lehrlinge einstellen – also Investieren. Man fragt sich womit?

Während der im Wahlkampf um Wien verhaftete Finanzminister mit der EU über ein zweites Fixkostenzuschussprogramm streitet, verzweifeln jene die ihm Geld in die Kassen spielen sollten. Das erste Fixkostenzuschussprogramm war, kein besonders attraktives und wurde entsprechend wenig angenommen. Programme wie der Covid-Hilfsfonds hingegen hatten sehr hohen Zuspruch, damit konnte schnell Kapital von privaten Investoren mobilisiert werden. Heute ist dieses Programm ausgelaufen und die Politik hat sich klar gegen eine Aufstockung ausgesprochen. Investoren aus Österreich investieren daher eher im Ausland (etwa Berlin oder Hamburg), wo ihr Kapital gehebelt wird. Man fragt sich, wieviel man der Wirtschaft eigentlich zumuten kann?

Gesetze, Regelungen und ein wenig Utopie

Ich bin kein Gastronom und auch kein Hotelier. Ich gestehe auch das ich mit keiner dieser wohl am am intensivsten betroffenen Berufsgruppen allzu viel (beruflich) zu tun habe. Mein gesunder Menschenverstand – mein eigenes Hirn – hingegen erlaubt mir ein paar bauernschlaue Gedanken: Wenn man wöchentlich, mit Vorliebe am Freitagabend, neue Regelungen vorstellt, die ab Montag gelten sollen – dann treiben wir Unternehmer über kurz oder lang direkt in die Burn-Out Klinik. Mir leuchtet ein, dass die Kommunikation von Neuigkeiten vor dem Wochenende, das Volk besonders gut erreicht – aber man darf nicht vergessen wer die angekündigten Verordnungen oder beschlossenen Gesetze sofort umsetzen muss. Gastronomie- und Hotel-Unternehmer schlagen sich hier seit Monaten die Wochenenden um die Ohren und kommen nicht zur Ruhe – von den Kosten, zusätzlichen Beratungsaufwänden wollen wir gar nicht erst anfangen.

Warum ergreifen wir nicht die Chancen, die in der Krise liegen? Dr. Keyvan Rastegar hat kürzlich im Startup-Online Magazin „Trending Topics“ viele valide Punkte zum Thema „Gesellschaftsrechtsreform“ aufgeworfen. Der Katalog an Ideen von Marktteilnehmern, die allesamt weder blöd noch blind sind, wäre lang. Warum fragt man nicht? Warum nicht das richtige tun? Warum nicht zusammenarbeiten? Parteien, Wahlkampf und Co. dürfen in einer Pandemie nicht bestimmend sein – hier gebe ich Innenminister Nehammer recht (er hatte dies gestern in der Freitagabend – Pressekonferenz gesagt)

Macht eine Bereinigung in der Unternehmenslandschaft Sinn?

Wer gerne leichtfertig argumentiert, die Wirtschaft soll ruhig mal ein reinigendes Gewitter erleben, der möge die nächsten Zeilen sehr aufmerksam lesen. Wenn ein Betrieb einmal geschlossen ist, kann man nicht einfach wieder öffnen. Die Wirtschaft kann also bei einem zurückkommen der Nachfrage nicht mehr so schnell hochfahren – da keiner etwas verkauft. Wer kaufen will kauft im Ausland. Unternehmen etablieren über Zeit ihre Marke, ihren Kundenstock, Vertrauen und internes Knowhow oder auch Patente. Bei einer Schließung oder einem Notverkauf geht das alles verloren. Kauft ein Ausländern, wandern Betriebe mittelfristig ab. Österreich ist als Standort sehr schön, aber nicht günstig.

Auf der Nachfrageseite brauchen wir eine kaufkräftige Kundschaft. Das gilt für den Endkunden, aber auch für den Firmenkunden. Investiert weder der eine noch der andere, sieht es düster aus. Sind zu viele Menschen in Arbeitslosigkeit, und die Betriebe geschlossen, dann haben wir ein Dilemma. In der Spieltheorie nennt man das ein Gefangenendilemma. Der Staat ist dann der letzte und mit Abstand größte Arbeitgeber, dieser bezahlt Gehälter aus Steuereinnahmen oder aus Staatsschuldverschreibungen (Staatsanleihen). Was passieren muss, wenn nur noch ein kleiner Teil „produktiver“ Privatwirtschaft über ist? In so einer Depression, einem Dilemma ohne Firmen und ohne Arbeitsplätze ist auch er Staat gezwungen Menschen freizusetzen – außer man entscheidet sich für das Kommunismus.

Was aber am gefährlichsten ist an diesem Szenario, ist der soziale Zündstoff, der in der Vernichtung von Arbeitsplätzen und betrieblichen Vermögen steckt. In der Geschichte waren solche Rahmenbedingungen stets Brandbeschleuniger für Unruhen und sogar für Kriege. Es ist nicht verkehrt, wenn wir sagen: „Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut.“

Gehen wir bitte – mit Maske – vor die Tür, schauen wir mit anderen Augen auf Unternehmer. Zeigen wir etwas Respekt und helfen wir wo wir können. Geben wir unserer demokratisch legitimierten Regierung Feedback, in guten wie in schlechten Zeiten. Ohne Feedback kann kein Manager arbeiten. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Wir werden weiterhin so viele Unternehmer auf ihrem Weg begleiten, wie es uns möglich ist.

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